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Was
war geschehen?
Als wir von der „Riesa“ gingen, bot sich das übliche Bild beim Anlegen:
Der Dampfer war mit dem Hinterschiff am Anlegeponton festgemacht. Der
Bug zeigte auf die nahe Uferböschung. Ein Matrose sicherte mit dem
Bundstaken die Lage des Dampfers, damit das Vorderschiff von der
Strömung nicht ans Ufer gedrückt wird. Auf dem Backbordradkasten stand
der Schiffsführer am Maschinentelegrafen und beobachtete den
Fahrgastwechsel. Etwa 50 Fahrgäste waren im Begriff, den Dampfer im
Gänsemarsch zu verlassen.
Plötzlich begannen sich die Schaufelräder mit
„Voll voraus“ zu drehen. Nun ging alles sehr schnell innert dreier
dramatischer Sekunden: Der Kondukteur und der Bootsmann am Hinterschiff
konnten das um den Poller geschlungene Seil nicht mehr fixieren. Das
Schiff riss sich los. Die gerade auf das Übergangsbrett tretenden
Fahrgäste mussten gesichert werden. Das Brett selbst – hier in Pillnitz
sogar die Luxusvariante mit Handlauf (Geländer) - versank in den Fluten.
Der Schiffsführer eilte die 4 m von der Nock an das Steuerrad, riss es
herum und verhinderte gemeinsam mit dem völlig überraschten Matrosen am
Bug, der den Bundstaken am Vorderschiff neu zu setzen suchte, in letzter
Sekunde, dass die „Riesa“ sich praktisch schon mit Höchstgeschwindigkeit
in die aufragende Uferböschung gebohrt hätte. Die „Riesa“ bewegte sich
nun zur Flussmitte und fuhr 100, 200 Meter stromauf und kehrte dann
langsam – Heck voraus – zu einem neuen, nun erfolgreichen Anlegemanöver
zurück.
Der Pillnitzer Agent, der auf dem Ponton das
Ereignis verfolgte, sprach von einem Fehler am elektrischen
Maschinentelegrafen.
Die
Maschinentelegrafen waren bei den Dampfern erst Anfang der 70er Jahre
aufgerüstet worden. Die Sprachrohre, die zuvor die einzige Kommunikation
zum Maschinisten ermöglichten, blieben weiter betriebsfähig erhalten.
Bei deren Nutzung konnten die Fahrgäste die Kommandos und Manöver zum
Maschinenraum deutlich mit verfolgen.
Bei der Rekonstruktion der Dampfer in den 90er Jahren verschwanden
leider diese markanten Messingrohre, die einst an keinem kleinen oder
großen Dampfschiff fehlen durften. Heute hat der Schiffsführer einen
Fahrstand auf beiden Radkästen, so kann er ohne Ortswechsel und
unverzüglich das Schiff steuern und Kommandos an die Maschine geben. Der
heutige, technische Fortschritt führte aber zum Verschwinden einiger
traditioneller Elemente, die Generationen von Schiffspassagieren auf der
Elbe mit Spannung und Interesse verfolgt haben: Das Bundstaken-Setzen
beim Anlegen und Wenden (wird heute über die Bugstrahlruder realisiert),
das Herunterkurbeln des Kamins bei Brückendurchfahrten (heute
geräuschlos per Knopfdruck und elektrischer Winde), die Kommandogabe in
den Maschinenraum (...) Bei der bedrohlichen Situation in Pillnitz ist
dank der Geistesgegenwart der Besatzung weder ein Fahrgast noch das
Schiff zu Schaden gekommen.
Leider ist 1 Jahr später die „Riesa“ aufgrund des
Kesselzustands außer Betrieb genommen worden. Das nicht mehr
betriebsfähige Schiff ist seit 30 Jahren im Binnenschifffahrtsmuseum
Oderberg zu sehen. |